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seilkonzipierte Dienstleistungen

Industrieklettern

Thomas Suchan blickt in einen Abgrund.

Er steht auf dem Dach eines 60 Meter hohen Hochhauses.

Von hier oben erscheinen die Menschen am Boden klein wie Ameisen. Wo andere schaudernd in die Tiefe schauen würden, kraxelt er unbeirrt weiter nach oben.

Beruf Höhenarbeiter: In Deutschland haben etwa 3000 Industriekletterer die Zusatzqualifikation des Fach- und Interessenverbands für seilunterstützte Arbeitstechniken (FISAT). Sie klettern an Außenfassaden hoch, um riesige Werbeplakate zu befestigen oder erklimmen Kirchtürme, um deren Dächer und Fassaden zu sanieren. Bei Wind und Wetter - oft nur gesichert mit Seil, Gurt und Karabinerhaken.

Tom ist schon immer gern geklettert. Vor über 8 Jahren hat er sein Hobby zum Beruf gemacht, absolviert bei der Firma Seilkonzept eine Ausbildung zum Level 3 Industriekletterer. Ein Gipfelstürmer im Dienst: Er lacht und seilt sich Schritt für Schritt an einer senkrechten Hauswand ab. Sein Auftrag heute: Fenster und Betonfugen kontrollieren.

Nichts für schwache Nerven.

Ein falscher Tritt und er hängt in den Seilen. "Es ist eine Nischenbranche", sagt Sven Drangeid, Leiter des FISAT.

Bei ihm z.B. legen Kletterlehrlinge die FISAT Prüfung ab.

Auf die Technik kommt es an

Wie wird man zum Hochhausbezwinger? Kurse bietet beispielsweise die Firma Seilkonzept in Kassel an. Dort lernen die Teilnehmer nicht nur, wie man sich an steilen Wänden auf- und wieder abseilt, sondern vor allem, wie man sich sichert oder einen Kollegen rettet, wenn der mal an einer glatten Hauswand abrutscht. Drei Kurse müssen die Bewerber bestehen - von Level zu Level wird es schwieriger.

Besonders wichtig sind Knoten: Segler setzen Achtknoten als Stopperknoten ein. Sie verhindern, dass das Seilende durchrutscht. Industrie- und Baumkletterer knüpfen ans Ende zusätzlich einen Spierenstich, eine feste Schlaufe, die sich nur schwer lösen lässt.

Der Grundkurs nach LEVEL 1 kostet 790 Euro.

Nach fünf Tagen beherrscht man  die wichtigsten Griffe und kann sich UNTER BEGLEITUNG EINES AUFSICHTSFÜHRENDEN HÖHENARBEITERS NACH FISAT LEVEL 3 an die ersten Aufstiege wagen. So ist die Vorschrift.

Richtige Technik ist wichtiger als ein Sixpack

Manche Passanten unten auf der Straße mag der Seilkünstler ein bisschen an Spiderman erinnern. Und manchmal fühlt sich Tom auch wie ein Star. Besonders, wenn Fußgänger tief unter ihm die Köpfe in den Himmel strecken, um Fotos zu machen. "Das spornt richtig an." Neulich hatte die Firma einen Auftrag am Dom zu Mainz "Das war ein Highlight", erzählt er begeistert.

Wer als Industriekletterer arbeiten will, muss nicht unbedingt ein Handwerk gelernt haben. Doch eine Ausbildung als Dachdecker, Höhentischler oder Steinmetz wird von den Betrieben, die den Kletterer letztendlich einsetzten gerne gesehen. Immer öfter kombinieren Handwerksmeister ihr Gewerk mit der gerstlosen und somit preisgünstigeren Höhenzugangstechnik da hier die Zukunft liegt.

Bewerber sollten mindestens 18 Jahre alt und schwindelfrei sein. "Wir suchen keine Leistungssportler", erklärt Gernot de Bruyn.

Er ist Toms Chef und sagt:

Höhenarbeiter sollten körperlich fit und beweglich sein und vor allem fähig und willig zu geistig- technischer Abstraktion und Entscheidungs-Eigenständigkeit wie aber auch unbedingt zum Teamplay.

Was viele nicht wissen: Zu viel Mut kann gefährlich sein. Und die richtige Technik ist wichtiger als ein trainiertes Sixpack. "Ausrüstung und Erfahrung sind wichtiger als Muskelkraft", erklärt Kletterexperte Gernot de Bruyn.

"Besonders gefährlich ist das Hänge-Trauma"

Wie bewegt man sich im Schnee? Was ist, wenn der Wetterbericht Minus-Temperaturen meldet? Dürfen Fensterputzer auch bei Regen arbeiten? Ausbilder beantworten alle Fragen und warnen die Kletterlehrlinge auch:

"Besonders gefährlich ist das Hänge-Trauma."

Das ist ein Schockzustand, der nach einem Unfall eintreten kann. Der Höhen-Handwerker hängt bewegungslos in seinem Gurt und das Blut fließt in die Beine. Wird nicht sehr schnell und kompetent gerettet, kann es zu einem tödlichen Kreislauf-Stillstand kommen.Es ist vorteilhaft ständig eine betriebseigene Höhenrettungscrew an der Baustelle abrufbereit zu haben.

Bis die Berufs-Feuerwehr mit Höhenrettungsausrüstung käme, ist es viel zu spät.

Ein Beruf mit vielen Risiken: Vielleicht haben deshalb nur wenige Höhenarbeiter eine Festanstellung. "Die besten Chancen gibt es in der Windenergiebranche", sagt Kirsten Grötzner von der VIK Industriekletterschule in Hamburg. Sie spricht von einer großen Konkurrenz: "Preisdumping und Faszinativismus durch schlecht ausgebildete Kletterakrobaten" ist ein Problem.

Bergsteiger Reinhold Messner bezwang noch mit 60 Jahren Gipfel, doch davon können Industriekletterer nur träumen. Für die meisten ist bereits mit Mitte 40, Anfang 50 Schluss. Die gesundheitlichen und mentalen Belastungen sind recht hoch, sagt FISAT Verbandschef  Sven Drangeid, etwa die Zwangshaltung vom Dauersitzen im Gurt.